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Fernsehen und Hans-Sachs-Haus

Am 15. März 1952 machte der Gelsenkirchener Radio-Händler Richter den erfolgreichen Versuch, eine Sendung des holländischen Fernsehens, das über den Sendemast in Lopik bei Utrecht seit dem 1. Oktober 1951 Testsendungen ausstrahlte, auf dem Dach des Hans-Sachs-Hauses aufzufangen. Es war der erste Fernseh-Empfang in Gelsenkirchen, noch bevor die Station Langenberg ihre Fernseh-Sendungen aufnahm. Die "Gelsenkirchener Morgenpost", deren leider nicht genannter Redakteur bei dem Versuch anwesend war, berichtete ausführlich darüber unter der Überschrift: "Wir fingen Fernseh-Sender Lopik auf!"  [DOKUMENT] Und nebenher beschreibt er nicht nur weitsichtig die Möglichkeiten, er sieht auch schon nach zwei Stunden Fernsehkonsum die Gefahren des neuen Mediums.

Die erste Fernsehaufzeichnung

"25 Jahre Segelflug in Gelsenkirchen" waren der Anlass für eine Festveranstaltung der Segelflugvereinigung Gelsenkirchen im großen Saal des Hans-Sachs-Hauses am 11. April 1953. In diesem Rahmen fand die Taufe von zwei in Eigenbau hergestellten Segelflugzeugen statt. Die Festrede hielt der Generalsekretär des Deutschen Aero-Clubs, Fritz Stamer, Frankfurt/Main und Dr. Fritz Küppersbusch und Johann Seppelfricke tauften die beiden Flugzeuge auf die Namen "Küppersbusch I" und "Seppelfricke I". Der Taufakt wurde vom Fernsehfunk des NWDR aufgenommen. Es war der erste Besuch einer Fernsehkamera des NWDR Köln in Gelsenkirchen.

5 Tage später, am 16.04., sendete der "Fernsehfunk" als erste Sendung aus Gelsenkirchen eine große Reportage über die Arbeit der Frauengruppe der Segelflugvereinigung Gelsenkirchen in der Werkstatt an der Feldmarkstraße, über die Taufe der neuen Segelflugzeuge im Hans-Sachs-Haus und über den Flugbetrieb in den Borkenbergen.

Das "Massen"-Medium Fernsehen in Gelsenkirchen

Der 2. Juni 1953 war nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch im westlichen Ausland der Beginn des Massenphänomens "Fernsehen". Die Krönung von Königin Elisabeth II. von England in London war die erste europaweite Live-Übertragung, die Millionen Menschen vor die "Flimmerkisten" lockte und damit zugleich den Anlass zur Gründung der Eurovision darstellte. In der Folge stieg das Interesse am Medium Fernsehen enorm und die Zahl der Fernsehgeräte nahm rapide zu. Noch heute zählen viele die Krönung zu den "bewegendsten TV-Momenten".

Auch viele Gelsenkirchener wurden Augenzeuge der Krönung. Dafür sorgten namentlich die Radio-Händler Frenzel und Richter. Radio Richter stellte im großen Saal des Hans-Sachs-Hauses zehn Fernsehgeräte auf, Radio Frenzel zeigte die Übertragung des NWDR-Fernsehfunks im Post-Cafe Quick an der Weberstraße. Die Übertragung dauerte mit einigen Pausen von 10.15 bis 23.30 Uhr. Auch vor den Schaufenstern der Radiogeschäfte, in Gastwirtschaften und Sälen, wo immer ein Fernsehgerät stand, fehlte es nicht an Neugierigen. Der deutsche Sprecher für diese Fernsehübertragung war der Schauspieler Udo Langhoff, der früher am alten Gelsenkirchener Stadttheater tätig gewesen war.

Gelsenkirchen (mit seinem Hans-Sachs-Haus) als Thema im Fernsehen

Zehn Jahre später - mittlerweile gab es auch das "Regionalprogramm" und das ZDF sendete ab 1.4.1963 - ist Fernsehen fast normal geworden. Trotzdem ist Gelsenkirchen als Thema einer Fernsehsendung immer noch etwas Besonderes, denn inzwischen weiß man um die Wirkungen des Mediums.

Unter dem Titel "'Gelsenkirchener Ballade' als Fernsehsendung. Wirklichkeit und legendärer Ruf einer Stadt'' berichten die "Gelsenkirchener Blätter" im März 1963 über Dreharbeiten zu einem Gelsenkirchen-Portät des legendären Reporters beim Westdeutschen Rundfunk, Rolf Buttler, für die Sendung "Prisma des Westens":

"Ist Gelsenkirchen wirklich eine Stadt, in der man nicht leben kann und der man am besten so schnell wie möglich den Rücken kehrt?

[...] Buttler, als gebürtiger Gelsenkirchener, kennt die Mentalität unserer Stadt genau. Nicht allzu viel Empfindlichkeit zu zeigen, empfiehlt er den Gelsenkirchenern, die im Hinblick auf die unvermeidlichen Attribute wie "Gelsenkirchener Luft" oder "Gelsenkirchener Barock" allergisch reagieren. Vielmehr sieht der Autor der "Gelsenkirchener Ballade" in der Zugehörigkeit zu dieser Stadt eine Art Auszeichnung. Nicht jeder ist fähig, hier Wurzeln zu schlagen. "Mannhaft muß man schon sein, wenn man hier leben muß", appelliert er an den Stolz der Bürger, die an einem Ort wohnen, "wo täglich so viel ehrliche Arbeit geleistet wird, wie kaum in einer anderen Stadt".

Rolf Buttler schrieb sein Drehbuch mit Sachkenntnis und Objektivität. Er ließ weder den Smog vom Dezember vergangenen Jahres aus noch die Hinterhöfe alter Arbeiterkolonien als Folgen der Gründerjahre. Ist Gelsenkirchen nun besonders häßlich? "Ruhrgebietsstädte sind nie schön", sagt Buttler, ihre Gesichter haben Furchen und Narben als sichtbare Zeichen mannhaft bestandener Gefahren. "In Gelsenkirchen gibt es Menschen, die nicht nur hier leben müssen, sondern auch hier leben wollen" und diese Erfahrung Buttlers stimmt.

[...] Die Gelsenkirchener [...] beobachteten die Arbeit des Fernsehteams mit Begeisterung. Wo die Kameraleute auftauchten, waren sie von einer interessierten und neugierigen Menge umlagert. Viele gewannen hier zum ersten Mal Einblick in einen Arbeitsvorgang, von dessen Kompliziertheit sich ein Außenstehender so leicht keine Vorstellung machen kann. Was auf dem Fernsehschirm in wenigen Sekunden vorüberhuscht, bedarf einer genauen Konzeption und umfangreicher Vorbereitungen.

Das Publikum hatte verschiedentlich Gelegenheit, dieser konzentrierten Arbeit zuzuschauen, seit man mit den Innen-Aufnahmen von der Ratssitzung am 18. Februar begonnen hatte, im März wird sich so mancher in der 20-Minuten-Sendung auf dem Bildschirm wiedererkennen, unversehens hineinverwoben in ein Stück Stadtgeschichte."

 

Antenne zum Empfang des Senders Lopik. Bild: Tillner/Gelsenkirchener Morgenpost.
Antenne zum Empfang des Senders Lopik
 
Taufe des Segelflugzeuges "Küppersbusch I"
Taufe des Segelflugzeuges "Küppersbusch I"
 

Fernsehen in der 50er Jahren

1952 gab es in der Bundesrepublik Deutschland erst 300 Fernsehteilnehmer. Zwei Jahre später, am 4. Juli 1954 versammelten sich vor inzwischen 20000 Fernsehgeräten, die großteils in Kneipen standen, Hunderttausende von Menschen, um die Übertragung des "Wunders von Bern" zu erleben. Auch in Gelsenkirchen, so berichtet die Stadtchronik, waren die Straßen "leergefegt".
Fernsehgeräte kosteten damals übrigens fast 1000 DM, also mehr als das Doppelte des Monatseinkommens eines Bergmannes.

Für den  04. März 1961 berichtet die Stadtchronik Gelsenkirchen:

Nachdem das Bundeskartellamt in Berlin die Preisbindung für 53-cm-Fernsehgeräte bei acht Herstellern aufgehoben hatte, kündeten fünf Gelsenkirchener Radio-Firmen radikale Preissenkungen für die Geräte dieser Firmen an: 598.-DM statt bisher 893.-DM und 648.-DM statt bisher 978.-DM.


 
Besprechung zwischen Kamerateam und Drehbuchautor Rolf Buttler. Quelle:Gelsenkirchener Blätter, 5/1963.
Besprechung zwischen Kamerateam und Drehbuchautor Rolf Buttler (rechts)
(Rolf Buttler hatte 1948 als Volontär bei der Lokalredaktion der WAZ in Gelsenkirchen seine Karriere begonnen)
 
Blick von der Zuschauertribüne auf die laufende Ratssitzung. Quelle:Gelsenkirchener Blätter, 5/1963.
 Auch der Ratssaal im Hans-Sachs-Haus ist Schauplatz der
Fernsehaufnahmen