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Architektur

"Überall entstehen zukunftweisende Werke neuer Baugesinnung. Das Dekorative hat abgewirtschaftet. Anstelle des Scheins tritt das Sein. Das neue Bauwerk, Produkt in neuer Geistigkeit Schaffender, entsteht aus der Diktion des Materials der Konstruktion des Zwecks. Alles Beiwerk fällt. Wahrheit, Klarheit, Einfachheit sind die Richtlinien, denen der schöpferische Geist folgt."

Alfred Fischer 1927


"Die klare Grundrisslösung [...] vereinigt sich mit einer durchaus künstlerisch reifen und dem Städtebild geschickt eingepassten Außenarchitektur. Sie vermeidet jeden überflüssigen Aufwand und bringt die geschlossene Masse dieses Zweckbaus am vollkommensten zum Ausdruck."

So urteilte das Preisgericht über den Entwurf Alfred Fischers für das Hans-Sachs-Haus.

Und wirklich gelang Fischer mit dem Entwurf ein prägnantes Beispiel einer Architektur, die modernste Bautechnik mit neuen künstlerisch-architektonischen Einflüssen und traditionellen Baustilen des Ruhrgebiets vereinte.

Der Eisenbetonrahmenbau hatte in den USA mit den Wolkenkratzern erste Höhepunkte gesetzt und auch in den europäischen Großstädten hatte diese Bauweise Einzug gehalten, da sie die Errichtung großer, kompakter Gebäude erlaubte. Obwohl die Konstruktion der Eisenbetonskelette zumeist eine Reduktion auf strenge geometrische Formen und rechte Winkel bedeutete, bedienten sich verschiedene architektonische Schulen und Stilrichtungen dieser Bauweise. Die Einflüsse des "Russischen Konstruktivismus", die Ideen des "Bauhaus", die klaren Linien der "De Stijl"-Bewegung und der Amsterdamer Schule sind als stilbildende Richtungen für das Hans-Sachs-Haus ebenso auszumachen wie der "Internationale Stil" mit seinen einfachen kubische Hauptformen, asymmetrischen Kompositionen und den in horizontalen Streifen angeordneten Fensterfronten.

Die besonderen Aufgaben der zukünftigen Nutzung wie die Bedingungen des Ruhrgebiets forderten von Fischer jedoch bautechnisch wie künstlerisch-stilistisch neue Lösungen.

Sicherlich war die Ziegelarchitektur der Industrie- und Zechenbauten im Ruhrgebiet genauso wie das 1922/23 von Fritz Höger errichtete Chilehaus in Hamburg - das stilprägend für den Backstein-Expressionismus war und zumindest in Architektenkreisen gefeiert wurde - Vorbild für die Nutzung der Klinkersteine der Fassade. Fischer selbst gibt hierfür als Hauptgrund allerdings die Umweltbedingungen des Ruhrgebiets mit seiner rußhaltigen Luft an:

"Neuzeitliche Bestrebungen gehen dahin, einen Eisenbetonbau durchweg auch als solchen nach außen hin zu zeigen. Diese Bestrebung ist durchaus gesund. Für ein Gebäude repräsentativen Charakters im Kohlenbezirk ist jedoch der Beton als Außenmaterial wegen seiner späteren unedlen Wirkung ungeeignet. Die Verwendung von gehobelter Schalung bei Eisenbeton ist wegen der Kosten meist unmöglich. Beton zu verputzen ist zu verwerfen. Selbst bei der Verwendung von Vorsatzbeton und gehobelter Schalung ist bei der Eigenart der atmosphärischen Einflüsse im Ruhrbezirk der Beton zu wenig wetterbeständig. Eine dauernde Verschmutzung bei der überreich mit schwefliger Säure und Kohlenstaub gefüllten Luft wäre nicht zu vermeiden. Um eine Außenseite von bleibender Sauberkeit zu formen, wurde das Bauwerk in hartgebranntem Klinker ausgeführt. Die durchlaufenden Fenstersturz- und Fensterbankprofile aus glasierter Keramik schließen eine Verschmutzung aus. Im Gegensatz zu diesen Profilen wurde das Hauptgesims aus Kupfer hergestellt. Auf Keramik wurde hier verzichtet, weil eine Verankerung an sich konstruktiv schwierig, mit Rücksicht auf Bergsenkungen gefährlich erschien. [...]"

Bergsenkungen durch den Steinkohlenbergbau bedingten auch bautechnische Konstruktionen, die sich direkt auf die Gestaltung auswirkten:

"Die Fassadenrücksprünge sind durch den Bergbau diktiert. Das Gebäude steht auf der Markscheide zweier Kohlenzechen. Die beiden Langfronten des Gebäudes mußten auf Wunsch der abbauenden Zechenverwaltungen gegen den Vorderbau durchgehende Dehnungsfugen erhalten, sodaß der dreiflüglige Bau in konstruktiver Hinsicht aus drei selbständigen, von einander losgelösten Bauten besteht. Um diese Dehnungsfugen nach außen unsichtbar zu machen und bei kommenden Bergsenkungen gleichzeitig eine Höhenverschiebung der einzelnen Außenhautteile möglichst auszugleichen, ist die Haut an diesen Stellen durch Rücksprünge eingezogen."

 

Postkarte mit Abbildung des Hans-Sachs-Hauses, ca, 1930. Klar erkennbar ist der Fassadenrücksprung, der entlang der Dehnungsfuge zwischen zwei Gebäudeteilen entstand, und deutlich sichtbar sind auch die Treppenhäuser als Vertikale Gliederungselemente.
Postkarte mit Abbildung des Hans-Sachs-Hauses, ca. 1930
Klar erkennbar ist der Fassadenrücksprung, der entlang der Dehnungsfuge zwischen zwei Gebäudeteilen entstand, und deutlich sichtbar ist auch ein Treppenhaus als vertikales Gliederungselement.

Auch weitere vertikale Elemente der Fassade, welche die klaren horizontalen Fensterfronten und Simslinien unterbrechen, entsprangen nicht aus kunsttheoretischen Überlegungen, sondern wurden durch die Nutzung bedingt:

"Der beinahe 6 Jahre zurückliegende erste Entwurf zu der Gebäudeanlage zeigt schon eine betonte horizontale Gliederung der Baumasse. Die späterhin erhobene Programmforderung der Einfügung eines Konzertsaales anstelle des Binnenhofes im äußeren Bürohausring führte dazu, die seitlichen Treppenhäuser an die Außenfront zu legen. Damit wurden die umlaufenden horizontalen Bänder der Außenseiten vertikal durchschnitten. Eine Bindung dieser starken Vertikale entstand dann durch die Rücksprünge in den Seitenfassaden und bei der Nordwestseite durch den Turm."

Obwohl seine, über das eigentliche kompakte Gebäude herausragende Vertikale dem Bauwerke seine Schwere nimmt, wurde auch der Turm nachträglich hinzugefügt:

"Die Zweckbestimmung des Hauses wurde noch während der Bauzeit mehrfach erweitert. Es entstanden dadurch sehr schwierig zu lösende Fragen. Der nordwestliche bereits erstellte Bürohausflügel wurde in ein Hotel verwandelt. Eine zweckmäßige Raumeinteilung, die den Hotelbetrieb gut ermöglichen lassen wird, dürfte trotzdem erzielt worden sein. Da die Nebenräume für ein Hotel fehlten, wurde das Gebäude-Ende als Turm hochgezogen und so die Personalräume gewonnen. Diese Turmanlage betont auch das Hotel nach außen hin. Die Vertikal-Betonung ist verstärkt durch das Heraufziehen der Keramikverkleidung entsprechend der gleichen Betonung der Treppenhäuser. Die Idee, den Gebäudekomplex mit einem Turmaufbau abzuschließen, findet sich übrigens bereits beim ersten Entwurf. Beim zweiten Entwurf wurde das Turmprojekt, weil praktisch nicht zu verwenden, fallen gelassen, um beim Ausführungsprojekt aus Raumgründen erneut aufgegriffen zu werden."

Postkarte mit Abbildung des Hans-Sachs-Hauses, ca, 1930. Der Hotelturm erhebt sich über das Gebäude und nimmt ihm die Massivität.

Postkarte mit Abbildung des Hans-Sachs-Hauses, ca. 1930
Der Hotelturm erhebt sich über das Gebäude und nimmt ihm die Massivität.

Auch das Vordach als deutlichstes Element der Fassade entsprang in erster Linie aus "der Konstruktion des Zwecks":

"Die Vordachanlage entstand aus praktischen Bedürfnissen heraus. Sie soll die Spiegelung der Schaufensterscheiben mildern und dem Beschauer der Auslagen Regenschutz gewähren. Für die Formgestaltung ist dieser, wenn man so will, sockelartige, schattenwerfende Vorsprung von großer Bedeutung. Der das Vordach begleitende Fries senkrecht aufstehender Luxferprismen erhellt die Ladenräume, die sonst meist nur durch die Schaufenster selbst Lichtzufuhr erhalten. Diese Materialzusammenstellung gibt dem Aeußeren etwas Geschlossenes. Wenn sich die Sonnenstrahlen im Glanze der Profilkanten und -Flächen brechen, erhält der Bau bei aller Einfachheit der Gesamtform ein gewisses prunkvolles Ansehen."

Letzte Arbeiten an der Fassade 1927. Ausschnitt aus einem Foto von Max Meier, Gelsenkirchen. Quelle: ISG/Stadtarchiv Gelsenkirchen,

 

Letzte Arbeiten an der Fassade, ca. 1927
Deutlich erkennbar das Vordach und die Glasbausteine (Luxferprismen)

 

 

 

 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Vordach nicht wieder erneuert.

 

 

Alle Zitate aus:  
Alfred Fischer:

Die Formgestaltung des Hans-Sachs-Hauses,
in der Festschrift zur Eröffnung des Hans-Sachs-Hauses, 1927
Der vollständiger Text findet sich unter: Archiv Texte und Presse