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Theater und Oper im Hans-Sachs-Haus

4. Teil:
Der Hans-Sachs-Haus-Saal als Spielstätte der Städtischen Bühnen
- Die Spielzeit 1956/57

 

 


Spielplan 1956/57

 
Fotos der Spielzeit

Theater im Hans-Sachs-Haus-Saal

Der Theaterneubau nebenan
 

Am 14.09. 1956 eröffneten die Städtischen Bühnen die Spielzeit 1956/57 mit einer Neuinszenierung der Oper "Carmen" von Bizet. Die musikalische Leitung hatte Dr. Ljubomir Romansky, die Inszenierung besorgte Generalintendant Gustav Deharde. Die Partie der Carmen sang die Dänin Kirsten Petersen.

Mit Beginn der neuen Spielzeit mussten die Städtischen Bühnen ein zum Abbruch bestimmtes Gebäude an der Munckelstraße räumen, das ihnen als Lagerraum für Dekorationen und Kulissen gedient hatte. Es sollte einem Durchbruch zur Robert-Koch-Straße weichen. Für die Städtischen Bühnen bedeutete das, dass ihre Lagerräume nun noch weiter auseinander gerissen wurden. So stellte sich mehr und mehr heraus, dass die Bespielung des Hans-Sachs-Haus auch trotz Verbesserung der Bühnenverhältnisse und der Einrichtung von behelfsmäßigen Künstlergarderoben und Unterkunftsräumen, die mittlerweile eingerichtet waren, immer schwieriger wurde.


Lagerhaus der Städtischen Bühnen

Die "Notlösung" Hans-Sachs-Haus wurde in den Theaterkritiken der Zeitungen kaum noch thematisiert. Erst bei der letzten Opernpremiere der Spielzeit 1956/57, "Tobias Wunderlich", kamen den Rezensenten die Bühnenverhältnisse wieder zu Bewusstsein. So schrieb der Kritiker des "Gelsenkirchener Anzeiger" (vom 18.04.1957):

"Wenn die Besucher der jüngsten Opernpremiere etwas an diesem Abend zu bedauern hatten, so war es der Umstand, daß für den szenisch so anspruchsvollen "Tobias Wunderlich" noch kein großer und tiefer Bühnenraum zur Verfügung stand."

Und auch die "Buersche Zeitung" sah das Problem:

 "Die beengten Bühnenverhältnisse des Hans-Sachs-Hauses waren für den Bühnenbildner Theo Lau und den Inszenator Rudolf Schenkl kein Hindernis, dem Geschehen einen weitgespannten, mit bayerischer Folklore lebhaft getönten Rahmen zu geben."

Mittlerweile kam es auch zu ersten Terminschwierigkeiten bei der Bespielung des Saales zwischen Städtischen Bühnen und Saalbetreiber. Bereits im Mai kündigten die Städtischen Bühnen den Verzicht auf die Aufführung eines Weihnachtsmärchens in diesem Jahre an, da die dafür notwendigen Vorstellungstermine nicht zur Verfügung stünden. Die Eisenwerke Gelsenkirchen verpflichteten daraufhin das Stadttheater Remscheid mit dem Märchenspiel "Dornröschen", das im Dezember im Hans-Sachs-Haus-Saal drei Vorstellungen für "die große Kinderschar der Eisenwerke" spielte.

 

Am Ende der Spielzeit legte Generalintendant Gustav Deharde dem Haupt- und Finanzausschuss einen Wirtschaftlichkeitsbericht über die Abstechertätigkeit der Stadt. Bühnen vor. Danach waren die auswärtigen Gastspiele von 304 in den Monaten September bis März 1955/56 auf 261 in den gleichen Monaten des Spieljahres 1956/57 eingeschränkt worden. Das hatte eine Verminderung der Einnahmen um 18,9 Prozent und eine Verminderung der Ausgaben um 12,3 Prozent zur Folge gehabt. Für die Spielzeit 1957/58 war eine weitere Verminderung der Abstecher um rund 20 Prozent auf insgesamt 200 vorgesehen. Gleichzeitig teilte Delharde mit, dass er seinen Dienstvertrag zum Ende der nächsten Spielzeit nicht mehr verlängern wolle.


Programmheft des "Theaterring der Jugend" für die Spielzeit 1955/56

 

Beim Bau des neuen Theaters tauchten mittlerweile die ersten technischen und finanziellen Probleme auf:

Am 04. Februar 1957 trat der Haupt- und Finanzausschuss der Stadt zu Beratungen über den Theaterneubau zusammen. Stadtrat Flöttmann gab dabei eine Darstellung der Kostenentwicklung. Sie war nach einer Aufstellung der Architektengruppe von 10,8 Mill. DM durch Maßnahmen, die zunächst nicht vorauszusehen waren, und durch die Steigerung des Baukostenindexes bis zum 31. Dezember 1956 auf 13,7 Mill. DM angewachsen. Es bestand Einmütigkeit darüber, dass eine Stilllegung des Baues nicht in Frage komme. Jetzt komme alles darauf an, den Bau so schnell wie möglich voranzutreiben. Die Sprecher aller Fraktionen stimmten darin überein, auch nicht etwa die Studienbühne einzusparen. Die Stadtverordnete Kisse regte die Bildung einer Theaterbaukommission als Bindeglied zwischen dem Rat der Stadt, der Verwaltung und der Bauleitung an. Die Vorsitzende des Kulturausschusses, Stadtverordnete Frau Nettebeck, erklärte, das Werk müsse ohne Dramatisierung irgendwelcher Schwierigkeiten nunmehr zügig vollendet werden. Oberstadtdirektor Hülsmann schlug vor, einen besonderen ständigen Prüfer für den Theaterbau einzusetzen. Das Ergebnis der eingehenden Aussprache war der einstimmige Beschluss - bei einer Enthaltung - , über die vertraglich festgesetzte Summe von 10,8 Mill. DM plus 15 Prozent Indexsteigerung bis zum 31. Dezember 1956 hinaus die für unvorhergesehene und unabweisbare Maßnahmen notwendige Summe von 1,233 Mill. DM zusätzlich bereitzustellen. Auch die Vorschläge, einen ständigen Prüfer zu bestellen und eine Theaterbaukommission zu bilden, wurden gutgeheißen.

In einer Pressekonferenz vier Tage später teilte Architekt Ruhnau dann mit, dass bei den Fundamentierungsarbeiten eine so genannte Tiefgründung habe vorgenommen werden müssen, weil der feste Mergel erst in 9 m Tiefe erreicht werden konnte. Die dazu notwendigen Tiefspundwände hätten erhebliche zusätzliche Kosten verursacht. Stadtrat Flöttmann wies darauf hin, dass zu der Steigerung der Materialpreise am 1. April 1957 noch höhere Löhne und eine Arbeitszeitverkürzung in der Bauwirtschaft hinzukämen. Ein großer Teil des Materials könne aber auf Grund von Sicherheitsübereignungsverträgen zum alten Preis abberufen werden. Den in die Debatte geworfenen Gedanken einer Streichung des "Kleinen Hauses" erklärte Stadtrat Hoffmann für unmöglich; er wurde auch von allen anderen Diskussionsrednern abgelehnt. Generalintendant Deharde teilte mit, dass im Auftrage des Kulturausschusses eine Rentabilitätsrechnung für das neue Haus aufgestellt werde. An eine Vermehrung des Ensembles werde nicht gedacht. Man erfuhr auch, dass eine schon vor Jahren angeregte Theater-Lotterie noch in diesem Jahre verwirklicht werden und dass auch der "Verein der Freunde und Förderer des Theaters" zu neuem Leben erweckt werden sollte.

Bereits Ende April 1957 brachte die neue Theaterbaukommission Vorschläge für die künstlerische Ausgestaltung des Theaterneubaues in den Haupt- und Finanzausschuss. Danach sollten die beiden Seitenwände über dem Nichtraucherfoyer, die Foyerwände des Zuschauerraumes, die Außenwände des Kassengebäudes, die Südwand des Studios und der Platz vor dem Theater künstlerisch ausgestaltet werden. Gelsenkirchener und auswärtige Künstlergruppen sollten zur Einreichung von Entwürfen aufgefordert werden, wobei Übereinstimmung darüber bestand, auf Experimente zugunsten einer bestimmten Akzentuierung des Raumes durch eine künstlerische Gestaltung zu verzichten, die auch in späteren Jahren noch als wertvoll und ansprechend angesehen werden konnte. Der Haupt- und Finanzausschuss schloss sich nach eingehender Aussprache diesem Vorschlag an und bestimmte folgendes Preisgericht:

  • als Fachpreisrichter: Prof. Burchartz (Essen), Herrn Uhlmann (Berlin), Dr. Roh (München), Architekt Dipl. Ing. Ruhnau, Städt. Kunstwart Dr. Lasch und Stadtrat Flöttmann,
  • als Sachpreisrichter: die Vorsitzenden des Kultur- und des Bauausschusses die Stadtverordneten Frau Nettebeck und Pelz, Oberstadtdirektor Hülsmann, Stadtrat Hoffmann und Generalintendant Deharde.

Zu Wettbewerbsentwürfen sollten außer einer Gelsenkirchener Gruppe auch noch zwei auswärtige Gruppen aufgefordert werden.

Bemerkenswert an der Zusammensetzung des Preisgerichts ist vor allem, dass der mittlerweile 70jährige Prof. Max Burchartz, der Gestalter des Farbleitsystems im Hans-Sachs-Haus, noch einmal maßgeblich an der Gestaltung eines innovativen Gebäudes in Gelsenkirchen beteiligt war.

 
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