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1. Architekturwettbewerb

Am 21. Oktober 1921 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, einen Architekturwettbewerb auszuschreiben, für den 60.000 Mark bereitgestellt wurden. Das Hochbauamt arbeitete daraufhin einen Grundrissplan aus für das städtische Gelände an der damaligen Bankstraße, das so genannte Heusersche Grundstück, der als Grundlage für den Wettbewerb dienen sollte. Der neue Bau sollte neben Räumen für Verwaltung und Gewerbe auch die Sparkasse und das Finanzamt aufnehmen.

Es wurden sechs Entwürfe eingereicht, davon zwei von Professor Becker aus Düsseldorf.

 

Am 20. Januar und 24. Januar 1922 stellte die "Gelsenkirchener Zeitung" die sechs Entwürfe der Öffentlichkeit vor:

"Vorweg sei bemerkt, daß sich keiner der Künstler genau an den ihm vorgeschriebenen Grundriß gehalten hat, was bei Wettbewerben übrigens verhältnismäßig selten vorkommt. Schon aus diesem Grunde könnte keiner der Pläne ohne wesentliche Aenderungen zur Ausführung kommen.[...]

Was nun die vorliegenden Entwürfe anbelangt, so ist es naturgemäß nicht möglich, an Hand der Bilder und ohne weiteren Unterlagen ein abschließendes Urteil zu fällen. Zudem geben alle derartigen Perspektiven mehr oder weniger ein schiefes Bild ab, weshalb es besonders für den Laien außerordentlich schwer ist, die wahre Wirkung zu erkennen, auf die auch die Umgebung einen nicht geringen Einfluß ausübt.
 

Entwurf Nr. 1: Professor Becker, Düsseldorf

Entwurf von Professor Becker, Düsseldorf.Bei Entwurf Nr.1 des Professors Becker springt ohne weiteres die monumentale Wucht des Gebäudes in die Augen. Wir haben hier den Typ des Bureauhaus-Wolkenkratzers. Nun kann man über die Zweckmäßigkeit eines Wolkenkratzers gewiss verschiedener Ansicht sein. Fast kann man von einer amerikanischen Krankheit sprechen, die weite Kreise des deutschen Volkes ergriffen hat. Und es darf auch zugegeben werden, dass in einigen Großstädten wie beispielsweise Berlin, Leipzig, Hamburg, die innerhalb ihres Geschäftsviertels über keinerlei überflüssigen Boden verfügen, aus Zweckmäßigkeitsgründen der Bureau-Wolkenkratzer angebracht erscheint. Dann muss er aber auch an einer Stelle stehen, an der sich die Nachbarschaft wenigstens einigermaßen dem Hochbau anpasst. Nur unter diesen Voraussetzungen kann der Wolkenkratzer zur Verschönerung des Städtebildes beitragen. Diese Vorraussetzungen treffen aber für Gelsenkirchen in keiner Weise zu. Auch unter Berücksichtigung einer Zurücksetzung der Straßenfront um 16 Meter, die der Künstler vorgesehen hat, würde der Wolkenkratzer mit seinen 12 Stockwerken an dieser Stelle gänzlich isoliert wirken. Aber abgesehen von all diesen äußeren Umständen, wird sich ein derartiger Hochbau hier in Gelsenkirchen mit seinen denkbar ungünstigen Bodenverhältnissen nur unter Aufwendung ganz enormer Kosten allein für die Fundamentierung errichten lassen. Damit würde die Rentabilität des Bureauhauses schon von vornherein in Frage gestellt. Der Bureauhaus-Wolkenkratzer kann aus den oben angeführten Gründen daher nicht in Frage kommen.
 

Entwurf Nr. 2: Theodor Wasser, Gelsenkirchen

Theodor Wasser, Gelsenkirchen.Entwurf Nr. 2 (Architekt Wasser, Gelsenkirchen) hält sich demgegenüber schon in weit mäßigeren Grenzen, obwohl auch hier immerhin noch 7 Stockwerke aufeinandergesetzt sind. Der Entwurf hat nach dem Bilde zweifellos etwas Bestechliches. In seiner Drittelung im Aufbau erinnert er an ein Theater, den unerfüllbaren Traum Gelsenkirchens, wenn der Bau in Wirklichkeit mit seinen zahllosen Fenstern auch kaum mehr einem Theater ähneln dürfte. Nur ist die große Frage, ob der Bau an dieser Stelle nicht zu schwer wirken wird. Auch sehen wir im Bilde nur einen Teil des Gebäudes, die Vorderfront, während die langgestreckte Seitenfront in der Vattmannstraße unsichtbar bleibt. Die Gesamtwirkung lässt sich infolgedessen nicht erkennen. Immerhin zeigt der Entwurf hervorragende künstlerische Eigenschaften.
 

Entwurf Nr. 3: Alfred Fischer, Essen

Entwurf von Alfred Fischer, Essen.Entwurf Nr. 3 stammt von Professor Fischer, Essen, dem Erbauer des Volkshauses in Rotthausen. Der Künstler hält sich, was die Höhe anbelangt, vollständig im Rahmen der übrigen Straßenbauten, sodass nach dieser Richtung hin das Bureauhaus keine Sonderstellung einnimmt. Umso mehr charakterliche Einzelzüge von scharfer Ausprägung und monumentaler Wirkung weist das Gebäude auf. Diese breiten, schweren Linien die sich durch beide Straßenfronten hindurchziehen, geben dem Ganzen ein wuchtiges Aussehen. Der kleine eckige Uhrenturm in der Vattmannstraße passt sich gleichfalls außerordentlich fein dem Ganzen an. Es fragt sich allerdings, ob man sich in der heutigen Zeit den Luxus der etagenbreiten, fensterlosen Sandstein-Zwischenräume erlauben kann. Es käme darauf an, zu wissen, wie sich Professor Fischer die innere Ausnutzung dieser gewaltigen lichtlosen Flächen gedacht hat. Da weitere Unterlagen fehlen, ist ein näheres Eingehen auf den Plan nicht möglich. Soweit es sich oberflächlich beurteilen lässt, genießt dieser Entwurf die meiste Beachtung.
 

Entwurf Nr. 4: Fritz Becker, Düsseldorf

Entwurf von Fritz Becker, Düsseldorf.Entwurf Nr.4 stammt von Professor Becker, Düsseldorf, dem Schöpfer des ersten Entwurfs. Ein Wolkenkratzer, wie der andere, der aber in künstlerischer Hinsicht von dem ersten Entwurf weit abfällt. Der Künstler beschränkt sich hier auf die Hochziehung eines verhältnismäßig schmalen Bauteils, wodurch die Wirkung des Hochbaues wesentlich beeinträchtigt wird, umso mehr, als es nach dem Bilde den Anschein hat, als ob der niedere Seitenbau an den Hochbau nachträglich angebaut worden sei und ursprünglich vorhandene Fenster zugedeckt habe. Außerdem nimmt der Künstler an, daß die Freilegung des Grundstückes, wo jetzt die Bischöffsche Villa steht, erfolgen kann, woran aber vor der Hand nicht zu denken ist. Im übrigen ist das Projekt aus dem gleichen Grunde, wie Entwurf Nr. 1 in Gelsenkirchen praktisch unausführbar.
 

Entwurf Nr. 5: Josef Franke, Gelsenkirchen

Entwurf von Josef Franke, Gelsenkirchen.Der Entwurf Nr. 5 von Architekt Franke, Gelsenkirchen, hält sich den Entwürfen von Professor Becker gegenüber vollkommen an die Wirklichkeit. Was an dem Projekt auffällt, ist die Wirtschaftlichkeit in der Ausnutzung von Fassade und Grundriss, die an sich zu den Grundsätzlichkeiten bei der Errichtung eines Bureaubaues gehört, um die größtmöglichsten Leistungen zu erzielen. Wie Professor Fischer bei seinem Entwurf Nr. 3, hat auch Architekt Franke das flache Dach gewählt, das vielfachen Verwendungsmöglichkeiten nutzbar gemacht werden kann. Der im Bilde nicht voll zur Geltung kommende, das Gebäude im Hintergrunde überragende Quertrakt gibt dem Ganzen einen wirkungsvollen Abschluss und kann zudem zur Unterbringung von Ateliers und ähnlichen Räumlichkeiten nutzbringend verwandt werden. Was uns an der Fassade weniger gefällt, das sind die beiden niedrig gelagerten Balkonecken, die die durch die rhythmische Wechselwirkung zwischen der Horizontalen und der Vertikalen im übrigen erzielte Ruhe stark beeinträchtigen und störend wirken. Auch der hochgezogene Eingang in der Vattmannstraße, der als Eingang zur Sparkasse dienen sollte, unterbricht die Geschlossenheit des architektonischen Aufbaues. Im übrigen sind die Entwürfe von Architekt Franke und Professor Fischer die einzigen, die für eine eventuelle Ausführung hätten in Frage kommen können.
 

Entwurf Nr. 6: Hochbauamt, Gelsenkirchen

Entwurf des Hochbauamtes Gelsenkirchen.Der Entwurf Nr. 6, der vom hiesigen Hochbauamt stammt, trägt zu viel den Charakter eines Warenhauses, als das er großen Anklang finden könnte. Die Galerien am vierten Stockwerk dürften ohne praktischen Wert sein und nur zur Verschönerung der Fassade dienen. Die Front an der Bankstraße und auch der Eingang erinnern lebhaft an bestimmte Berliner Gebäulichkeiten. Der Vorzug des Projektes liegt in seiner äußeren Ruhe. Dafür weist der Entwurf aber auch nur wenige charakterliche Merkmale und Originalitäten auf. Er ist durchaus sachlich und vermeidet alles, was als eine Besonderheit gelten könnte. Das Hochbauamt hat übrigens den Entwurf außerhalb des Wettbewerbes als freien Beitrag geliefert.

Damit hätten wir sämtliche Entwürfe einer, wenn auch nur oberflächlichen Beurteilung unterzogen. Wie schon gesagt, kommen sie alle für eine Ausführung nicht in Frage; doch ist anzunehmen, das sich der eine oder andere Künstler bei der Ausarbeitung eines zweiten Projektes an seinen ersten Entwurf anlehnen wird. Hoffentlich wird der zweite Wettbewerb ein praktisches Ergebnis zeitigen, so dass mit der Ausführung des Planes bereits im Frühjahr begonnen werden kann."

Soweit die "Gelsenkirchener Zeitung". Zu diesem Zeitpunkt, im Januar 1922, war die Grundlage des Architekturwettbewerbes allerdings bereits überholt, denn die Sparkasse hatte sich kurz zuvor entschlossen, ein eigenes Gebäude zu errichten. Damit aber fiel eine für die Ausgestaltung des Baus wichtige Einschränkung fort, da die Sparkasse nicht nur einen großen Teil des Gebäude einnehmen sollte, sondern auch architektonisch besondere Bedingungen erforderte. Nach Einholung eines sachverständigen Gutachtens beschloss die Stadt daher, einen neuen Wettbewerb auszuschreiben und die Architekten aufzufordern, ihre Entwürfe den veränderten Bedingungen anzupassen.